Es gibt Strickmuster, die man einmal lernt und dann ein Strickleben lang benutzt. Das Perlmuster ist so eines. Du brauchst dafür nichts weiter als rechte und linke Maschen – also genau das, was du im ersten Strickkurs gelernt hast. Und trotzdem bekommst du eine Fläche, die vollkommen anders aussieht und sich anders verhält als glatt rechts: körnig, dicht, beidseitig gleich und – das ist der eigentliche Trick – vollkommen flach.
Dieser Artikel zeigt dir, wie du das Perlmuster strickst (in Reihen und in Runden, mit gerader und ungerader Maschenzahl), wo der Unterschied zum großen Perlmuster liegt, welche Eigenheiten du einplanen solltest und welche Garne die Struktur wirklich zur Geltung bringen.
Was ist das Perlmuster eigentlich?
Beim Perlmuster wechseln sich rechte und linke Maschen ab – und zwar nicht nur innerhalb einer Reihe, sondern auch von Reihe zu Reihe. Über einer rechten Masche der Vorreihe strickst du links, über einer linken Masche strickst du rechts. Dadurch sitzt nie derselbe Maschentyp zweimal übereinander, und es entsteht diese fein gekörnte Oberfläche, die dem Muster ihren Namen gibt: viele kleine „Perlen“.
Genau dieser ständige Wechsel ist auch der Grund, warum sich das Perlmuster so angenehm verhält. Glatt rechts rollt sich an den Kanten ein, weil rechte und linke Maschenseite unterschiedlich stark ziehen. Beim Perlmuster sind beide Maschenarten gleichmäßig über die Fläche verteilt – die Spannungen heben sich auf, das Gestrick liegt flach und rollt sich weder seitlich noch an der Anschlagkante ein.
Der zweite große Vorteil: Vorder- und Rückseite sehen gleich aus. Für alles, was im Getragenen von beiden Seiten sichtbar ist – Schals, Tücher, Decken, Kragen, Blenden – ist das Gold wert.
Perlmuster stricken: die Anleitung
In Reihen, mit ungerader Maschenzahl
Das ist die einfachste Variante, und deshalb empfehlen wir sie für dein erstes Perlmuster-Projekt.
Schlag eine ungerade Maschenzahl an. Dann strickst du in jeder Reihe – wirklich jeder, Hin- wie Rückreihe – dasselbe:
1 Masche rechts, 1 Masche links, im Wechsel bis zur letzten Masche, diese rechts.
Weil die Maschenzahl ungerade ist, beginnt und endet jede Reihe mit einer rechten Masche. Der Versatz passiert dadurch ganz von allein: Wenn du das Stück wendest, liegt über deiner rechten Masche automatisch eine, die du jetzt links stricken musst. Du musst dir also nichts merken und nicht mitzählen, welche Reihe gerade dran ist. Bei einem langen Schal vor dem Fernseher ist das ein unterschätzter Vorteil.
Als angenehmer Nebeneffekt entsteht so ein kleiner Knötchenrand, der sich sauber in die Musterfläche einfügt.
In Reihen, mit gerader Maschenzahl
Manchmal gibt eine Anleitung eine gerade Maschenzahl vor. Dann musst du den Versatz selbst machen:
- Reihe 1: *1 M rechts, 1 M links* – ab * fortlaufend wiederholen.
- Reihe 2: *1 M links, 1 M rechts* – ab * fortlaufend wiederholen.
Reihe 1 und 2 immer wiederholen. Hier hilft ein Maschenmarkierer oder schlicht der Blick aufs Gestrick: Über einem „Knötchen“ (linke Masche) strickst du rechts, über einer glatten Masche links. Wenn du dir das einmal antrainierst, brauchst du die Anleitung gar nicht mehr.
In Runden
In Runden gibt es keine Rückreihen, die den Versatz automatisch erzeugen – du musst ihn also aktiv stricken. Bei einer geraden Maschenzahl:
- Runde 1: *1 M rechts, 1 M links* – fortlaufend wiederholen.
- Runde 2: *1 M links, 1 M rechts* – fortlaufend wiederholen.
Achtung: Mit einer ungeraden Maschenzahl funktioniert das in Runden nicht von selbst – dann würdest du an der Rundenübergangsstelle zwei gleiche Maschen nebeneinander bekommen und ein Rippenmuster erzeugen. In Runden also: gerade Maschenzahl, Versatz jede Runde, Rundenmarkierer setzen.
Großes Perlmuster
Das große Perlmuster (auch doppeltes Perlmuster) funktioniert nach demselben Prinzip – nur dass der Versatz nicht nach jeder Reihe stattfindet, sondern erst nach zwei Reihen. Dadurch werden die „Perlen“ größer und das Muster wirkt kräftiger und plastischer.
Bei gerader Maschenzahl:
- Reihe 1: *1 M rechts, 1 M links*
- Reihe 2: *1 M rechts, 1 M links* (so, wie die Maschen erscheinen: rechte Maschen rechts, linke links)
- Reihe 3: *1 M links, 1 M rechts*
- Reihe 4: wie Reihe 3 (Maschen stricken, wie sie erscheinen)
Reihe 1–4 wiederholen. Das große Perlmuster ist etwas ruhiger im Gesamtbild und macht sich besonders gut bei dickeren Garnen und größeren Flächen, wo das kleine Perlmuster schnell unruhig wirken kann.
Was du einplanen solltest
Das Perlmuster ist technisch anspruchslos, hat aber drei Eigenheiten, die du kennen solltest, bevor du ein größeres Projekt startest.
Es verbraucht mehr Garn. Der Garnverbrauch im Perlmuster liegt spürbar über dem von glatt rechts – die dichte Struktur zieht das Gestrick zusammen, du brauchst also mehr Maschen und mehr Reihen für dieselbe Fläche. Wie viel genau, hängt vom Garn und deiner Strickweise ab. Rechne bei einem Projekt, das in glatt rechts kalkuliert wurde, lieber ein zusätzliches Knäuel ein – und mach vorher eine Maschenprobe.
Die Maschenprobe ist eine andere. Das ist der häufigste Fehler: Man misst die Maschenprobe in glatt rechts (weil die Banderole das so angibt) und strickt das Projekt dann in Perlmuster. Das geht fast immer schief. Perlmuster ergibt bei gleicher Nadelstärke praktisch nie dieselbe Maschen- und Reihenzahl wie glatt rechts. Miss also immer im Muster, in dem du auch strickst. Warum sich die 20 Minuten lohnen, haben wir im Maschenproben-Artikel ausführlicher erklärt.
Es geht langsamer. Du wechselst bei jeder einzelnen Masche den Faden von hinten nach vorn und zurück. Das kostet Zeit und, bei sehr langen Sessions, auch Handgelenk. Für einen Schal ist das kein Problem – für einen kompletten Pullover in Perlmuster solltest du wissen, worauf du dich einlässt.
Die richtige Garnwahl: Struktur braucht ein ruhiges Garn
Das Perlmuster ist ein Strukturmuster. Es lebt davon, dass man die kleinen Erhebungen und Vertiefungen tatsächlich sieht. Damit ist die Garnwahl hier wichtiger als bei glatt rechts, wo praktisch jedes Garn funktioniert.
Was gut funktioniert: Glatte, gut gezwirnte (mehrfädige) Garne in einfarbigen oder dezent melierten Farben. Der Zwirn gibt der Masche Kontur und Sprungkraft, die Struktur bleibt scharf und definiert. Helle bis mittlere Farbtöne zeigen mehr Relief als sehr dunkle – bei Anthrazit oder Schwarz verschwindet fast jede Struktur im Schatten.
Was schwieriger ist: Stark bunt handgefärbte Garne konkurrieren mit der Struktur – Farbe und Muster kämpfen um Aufmerksamkeit, meist gewinnt die Farbe und das Perlmuster geht unter. (Mehr dazu, wie handgefärbte Garne sich im Gestrick verhalten, findest du unter Handgefärbte Wolle verstehen.) Auch Mohair mit viel Halo weicht die Kanten der Maschen auf. Und einfädige Garne (Singles) zeigen Struktur weicher und diffuser als Zwirne – nicht falsch, aber weniger knackig. Warum das so ist, erklärt unser Artikel zu Single Ply vs. Multi Ply.
Unsere Garnempfehlungen fürs Perlmuster
Rauma Finull – 100 % norwegische Schurwolle, Sport, ca. 175 m / 50 g, Nadelstärke 2,5–3,5 mm. Ein federndes, klassisch rustikales Zwirngarn mit sehr guter Maschendefinition. Wenn du ein Perlmuster willst, das man aus drei Metern Entfernung noch erkennt, ist Finull eine sichere Bank – und die Farbauswahl ist enorm.
Sandnes Peer Gynt – 100 % norwegische Wolle, DK, ca. 91 m / 50 g, Nadelstärke 3,5–4 mm. Robust, griffig, unverwüstlich. Peer Gynt hält die Struktur auch bei größeren Flächen und ist unser Vorschlag für Decken, Kissen und alles, was Standfestigkeit braucht.
John Arbon Knit by Numbers DK – 50 % Bluefaced Leicester, 50 % Falkland Merino (neue Version), DK, ca. 233 m / 100 g, Nadelstärke 3,5–4,5 mm. Ein sauber gesponnenes Garn mit schönem Glanz durch das BFL – und mit einem nummerischen Farbsystem, das dir das Abstufen von Tönen leicht macht.
Knitting for Olive Heavy Merino – 100 % Merino (non-superwash), Worsted, ca. 125 m / 50 g, Nadelstärke 4,5 mm. Für alle, die es weich mögen: Heavy Merino gibt ein flauschig-dichtes Perlmuster mit weichen Konturen. Wie alle Garne von Knitting for Olive ist es non-superwash – schöner im Griff, aber Handwäsche.
Rowan Felted Tweed – 50 % Wolle (Merino), 25 % Alpaka, 25 % Viskose, DK, ca. 175 m / 50 g, Nadelstärke 3,75–4 mm. Die eingesprenkelten Tweed-Nuppen geben der Perlmuster-Fläche zusätzliche Tiefe, ohne die Struktur zu überdecken. Sehr schön für Schals und Kragen.
BC Garn Bio Balance (GOTS) – 55 % Bio-Schurwolle, 45 % Bio-Baumwolle, Fingering, ca. 225 m / 50 g. Die sommerliche Option: Der Baumwollanteil macht das Garn kühler und etwas ruhiger im Fall, die Struktur bleibt dank Zwirn gut erkennbar. GOTS-zertifiziert.
Mehr Auswahl findest du in unseren Kollektionen Sport, DK und Worsted – oder nach Material sortiert unter Merino und Schurwolle.
Wofür sich das Perlmuster besonders eignet
Schals und Tücher. Der Klassiker – weil das Muster von beiden Seiten gleich aussieht und nicht rollt, brauchst du weder Blenden noch Spannen, damit es gut liegt. Wenn du gerade erst anfängst: In unserem Artikel Schal stricken findest du Maße, Garnmengen und Konstruktionen.
Stirnbänder und Kragen. Perlmuster hat Standfestigkeit, ohne so stark zusammenzuziehen wie ein Rippenmuster. Für ein Stirnband ist das ideal: Es liegt an, ohne einzuschnüren.
Decken. Große Flächen in glatt rechts sind langweilig zu stricken und rollen sich an den Rändern; Perlmuster löst beides auf einmal. Für Größen und Garnmengen lohnt ein Blick in Babydecke stricken.
Blenden, Ränder und Übergänge. Ein paar Maschen Perlmuster an den Seitenkanten eines glatt rechts gestrickten Tuchs verhindern das Einrollen zuverlässig – und sehen dabei besser aus als kraus rechts.
Als Kontrastfläche. Perlmuster neben glatt rechts oder neben Zöpfen ist ein sehr alter, sehr guter Trick: Die körnige Fläche lässt die glatten oder plastischen Partien deutlich stärker wirken.
Häufige Fehler – und wie du sie vermeidest
Der Faden liegt falsch. Beim Wechsel von rechts auf links muss der Faden zwischen den Nadeln nach vorn (bzw. nach hinten), nicht über die Nadel. Läuft er über die Nadel, entsteht ein zusätzlicher Umschlag – und du hast plötzlich eine Masche mehr. Wenn deine Maschenzahl im Perlmuster wächst, ist fast immer das die Ursache.
Aus dem Muster gerutscht. Es passiert schnell, dass ein Versatz vergessen wird und man plötzlich ein Rippenmuster strickt. Die gute Nachricht: Man sieht es sofort. Lies das Gestrick statt die Anleitung – über Knötchen kommt glatt, über glatt kommt Knötchen.
Ungleichmäßiges Maschenbild. Bei den ersten Zentimetern sieht Perlmuster oft unruhig aus. Das gibt sich meist mit ein paar Zentimetern Übung, und das Waschen und Spannen tut den Rest. Wenn dir das Bild dauerhaft zu unruhig ist, hilft oft eine halbe Nadelstärke weniger.
Falsche Maschenzahl in Runden. Ungerade Maschenzahl in Runden führt zwangsläufig ins Rippenmuster. Für Runden: immer gerade.
Und dann?
Wenn dir Strukturmuster liegen, ist das Perlmuster ein guter Startpunkt für mehr. Das Patentmuster arbeitet ebenfalls mit rechten und linken Maschen, aber mit Umschlägen – deutlich plastischer, deutlich voluminöser. Und wenn du bei den Grundlagen noch etwas nachlegen willst: Stricken lernen und Maschen anschlagen sind die beiden Artikel, die unter allem liegen.
Weiterlesen:
- Patentmuster stricken: Vollpatent, Halbpatent und Brioche erklärt
- Schal stricken: Der einfachste Einstieg ins Stricken
- Stirnband stricken: Anleitung, Garn & Muster für Anfänger
- Stricken lernen: Der komplette Einsteiger-Guide
- Single Ply vs. Multi Ply: Was macht den Unterschied wirklich aus?
- Maschenprobe stricken: Warum diese 20 Minuten dein Projekt retten können
- Garngewichte erklärt: Von Lace bis Bulky


