„Maschen aufnehmen“ ist einer der verwirrendsten Begriffe im Stricken – weil er zwei völlig verschiedene Dinge meint.

Das eine ist Notfallmedizin: Eine Masche ist von der Nadel gerutscht und zieht eine Leiter nach unten. Du fängst sie wieder ein und arbeitest sie hoch. Das andere ist Konstruktion: Du stichst in eine fertige Kante ein und holst dort neue Maschen heraus, um in eine andere Richtung weiterzustricken – ein Halsbündchen, eine Knopfleiste, ein Ärmel.

Beides heißt im Deutschen „Maschen aufnehmen“. Beides sieht am Anfang nach schwarzer Magie aus. Und beides ist, wenn man es einmal verstanden hat, erstaunlich unspektakulär. In diesem Guide gehen wir beide Bedeutungen durch – erst die Rettung, dann die Konstruktion.

Teil 1: Gefallene Maschen wieder auffangen

Erste Hilfe: nicht ziehen, sondern sichern

Der wichtigste Moment ist der, in dem du es merkst. Reflex ist meistens, am Strickstück zu zupfen oder es hochzuheben, um besser zu sehen – und genau dabei rutscht die Leiter noch drei Reihen weiter nach unten.

Also: Strickstück flach hinlegen. Dann die gefallene Masche sofort sichern, damit sie nicht weiter laufen kann. Ein Maschenmarkierer, eine Sicherheitsnadel oder eine dünne Häkelnadel durch die lebende Schlaufe – fertig. Jetzt kannst du in Ruhe schauen, wie weit sie gelaufen ist.

Was du dabei siehst: Die gefallene Masche ist die offene Schlaufe ganz unten. Darüber liegen die waagerechten Querfäden, aus denen die Reihen bestehen, die sie hätte durchlaufen sollen. Diese Querfäden sind die Sprossen der „Leiter“. Genau die arbeitest du jetzt der Reihe nach ab – von unten nach oben, eine Sprosse pro Reihe.

Glatt rechts: die Häkelnadel macht die Arbeit

Bei glatt rechts gestricktem Stoff ist die Reparatur am einfachsten – und du brauchst dafür nur eine Häkelnadel, die ungefähr zur Garnstärke passt (lieber etwas dünner als zu dick, sonst weitest du die Maschen).

  1. Häkelnadel von der rechten Seite (der Vorderseite mit den V-Maschen) von vorne in die gefallene Schlaufe einstechen.
  2. Den untersten Querfaden mit dem Haken erfassen.
  3. Den Querfaden durch die Schlaufe nach vorne ziehen – wie bei einer Luftmasche. Auf der Häkelnadel liegt jetzt wieder eine Masche, eine Reihe höher.
  4. Schritte 2 und 3 wiederholen, bis alle Querfäden aufgebraucht sind.
  5. Die letzte Schlaufe von der Häkelnadel auf die linke Stricknadel setzen – nicht verdreht, also in derselben Ausrichtung wie ihre Nachbarinnen.

Danach lohnt sich ein Blick: Die reparierte Masche darf ruhig etwas lockerer oder fester sitzen als der Rest. Das gleicht sich beim Spannen meistens aus. Wenn sie sehr auffällt, kannst du die überschüssige Fadenspannung mit der Nadelspitze über die Nachbarmaschen verteilen.

Linke Maschen: einfach die Seite wechseln

Hier ist der Trick, der viel Frust spart: Eine linke Masche ist nichts anderes als eine rechte Masche von hinten betrachtet. Statt also eine zweite Technik zu lernen, drehst du das Strickstück einfach um und arbeitest von der Seite, auf der die Masche rechts aussieht.

Bei kraus rechts (jede Reihe rechts gestrickt) wechselt die „rechte“ Seite von Reihe zu Reihe. Das heißt: Du musst nach jeder hochgearbeiteten Sprosse das Strickstück wenden. Klingt umständlich, geht aber schnell in Fleisch und Blut über – und ist deutlich sicherer, als die linke Variante mit der Häkelnadel von der falschen Seite zu improvisieren.

Bei Rippen und Mustern wie Perlmuster gilt dasselbe Prinzip, nur pro Masche: Schau dir an, wie diese eine Maschenspalte im Muster aussehen muss, und wende entsprechend. Bei komplexeren Strukturen – Zöpfen oder Lace mit Umschlägen – ist die Häkelnadel-Rettung heikel, weil auch Verkreuzungen und Umschläge rekonstruiert werden müssen. Dort ist es oft ehrlicher (und schneller), die betroffenen Reihen aufzuribbeln und neu zu stricken.

Wenn mehrere Maschen gefallen sind

Zwei nebeneinanderliegende Leitern arbeitest du nacheinander hoch, nicht gleichzeitig. Sichere beide, arbeite eine komplett nach oben, dann die zweite. Wer versucht, parallel zu arbeiten, verheddert sich in den Querfäden.

Bei mehr als drei oder vier gefallenen Maschen über viele Reihen ist Aufribbeln meist das ruhigere Verfahren. Eine Lifeline – ein Kontrastfaden, den du in einer sauberen Reihe durch alle Maschen ziehst – erspart dir beim nächsten Mal genau diese Entscheidung.

Der positive Nebeneffekt

Wer gefallene Maschen einmal beherrscht, strickt entspannter. Man muss dann nämlich keine Angst mehr vor dem Fehler haben, den man zwanzig Reihen zu spät entdeckt – man lässt die betroffene Maschenspalte gezielt bis dorthin fallen, korrigiert und arbeitet sie wieder hoch. Genau dieses Werkzeug macht aus „mein Projekt ist ruiniert“ ein „das sind zehn Minuten“.

Teil 2: Maschen aus einer Kante aufnehmen

Die zweite Bedeutung hat mit Fehlern nichts zu tun. Hier holst du bewusst neue Maschen aus einem fertigen Strickstück heraus, um von dort aus in eine neue Richtung weiterzuarbeiten.

Du brauchst das ständig, sobald du über Schal und Mütze hinaus bist:

  • Halsbündchen an Pullovern – der klassische Fall, egal ob top-down oder bottom-up gestrickt
  • Knopf- und Blendenleisten an Strickjacken
  • Ärmel, die aus dem Armloch heraus abwärts gestrickt werden
  • Daumen bei Handschuhen und Stulpen
  • Kanten an Steeks, die nach dem Schneiden gefasst und versäubert werden
  • Anhäkel-/Anstrickkanten an Tüchern und Decken

Die Bewegung selbst ist simpel: Mit der Stricknadel von vorne in die Kante einstechen, Faden von hinten holen, durchziehen – die neue Masche liegt auf der Nadel. Das ist alles. Die Kunst liegt nicht in der Bewegung, sondern in zwei Entscheidungen: wo du einstichst und wie viele Maschen du herausholst.

Wo einstechen?

Als Faustregel: eine ganze Masche vom Rand entfernt, also zwischen der Randmasche und der ersten „echten“ Masche. Wer direkt in die Randmasche sticht, bekommt eine dünne, instabile Kante, die sich einrollt und durch die man später hindurchsieht. Wer eine Masche weiter innen einsticht, bekommt eine kräftige, saubere Kante – und die Randmasche rollt sich unauffällig nach innen weg.

Gearbeitet wird fast immer von der rechten Seite aus, sonst landet der Übergang auf der Schauseite.

Wie viele Maschen?

Das ist der Punkt, an dem die meisten Kanten schiefgehen – und es liegt an einem simplen geometrischen Fakt: Reihen sind kürzer als Maschen breit sind. In glatt rechts sind ungefähr vier Reihen so hoch wie drei Maschen breit. Nimmst du also aus jeder Reihe eine Masche auf, holst du zu viele Maschen heraus, und die Kante wellt sich.

Die Richtwerte:

  • Aus einer waagerechten Kante (Anschlag- oder Abkettkante, z. B. die Schulter): 1 Masche aus jeder Masche – hier passt es 1:1.
  • Aus einer senkrechten Kante (die Seitenkante, z. B. eine Knopfleiste): 3 Maschen aus 4 Reihen – also drei aufnehmen, eine Reihe überspringen. Bei sehr locker gestricktem Stoff oder hohen Reihen kann auch 2 aus 3 passen.
  • Aus schrägen oder gerundeten Kanten (Halsausschnitt) mischt sich beides: waagerechte Abschnitte 1:1, senkrechte im 3:4-Rhythmus, Schrägen dazwischen.

Wichtiger als jede Faustregel: Wenn die Anleitung eine konkrete Maschenzahl nennt, gilt die. Diese Zahl ist auf die Konstruktion und die Maschenprobe des Designs abgestimmt – sie sorgt dafür, dass ein Halsbündchen weder ausleiert noch den Kopf abschnürt. Faustregeln sind nur dann dein Werkzeug, wenn die Anleitung dich im Stich lässt. Mehr dazu, wie du solche Angaben entschlüsselst, steht im Artikel zum Strickanleitungen lesen.

Gleichmäßig verteilen – der Marker-Trick

Wenn du 96 Maschen aus einem Halsausschnitt aufnehmen sollst, zähle nicht bis 96 und hoffe. Teile die Kante stattdessen mit Maschenmarkierern in vier (oder acht) gleich große Abschnitte und verteile die Maschen abschnittsweise – bei 96 Maschen und vier Abschnitten also 24 pro Abschnitt.

So bemerkst du eine Fehlverteilung nach 24 statt nach 90 Maschen. Und du kommst gar nicht erst in die Situation, am letzten Zentimeter zwölf Maschen unterbringen zu müssen.

Nadelstärke und Reihenfolge

Zwei kleine Kniffe, die viel ausmachen:

  • Zum Aufnehmen eine halbe bis ganze Nadelstärke dünner verwenden als für das Bündchen. Das ergibt eine kompaktere, sauberere Kante. Danach zur regulären Nadel wechseln.
  • Erst die Maschen aufnehmen, dann zählen, dann losstricken. Eine Runde zählen kostet 30 Sekunden – eine falsch aufgenommene Kante kostet eine halbe Stunde.

Der Abschluss danach ist übrigens ein eigenes Thema: Welche Abkettmethode zum Halsbündchen passt, steht im Artikel Maschen abketten.

Die drei häufigsten Fehler

Die Kante wellt sich. Zu viele Maschen aufgenommen. Wieder raus und mit 3:4 statt 1:1 arbeiten.

Die Kante zieht und spannt. Zu wenige Maschen. Typisch bei Halsausschnitten, die sich dann nicht mehr über den Kopf ziehen lassen – hier hilft neben mehr Maschen auch eine elastische Abkettmethode.

Es entstehen Löcher. Meist zu weit außen eingestochen, direkt in die Randmasche. Eine Masche weiter innen einstechen. Kleine Löcher an Übergängen (etwa an der Schulternaht) lassen sich außerdem entschärfen, indem du dort eine Masche zusätzlich aus dem Querfaden aufnimmst und in der Folgerunde wieder abnimmst.

Aufnehmen ist nicht Zunehmen

Kurz zur Begriffsklärung, weil das oft durcheinandergeht:

  • Maschen aufnehmen heißt: Maschen aus einer bestehenden Kante oder aus dem Stoff herausholen. Das Strickstück wächst dadurch in eine neue Richtung.
  • Maschen zunehmen heißt: mitten im Stricken zusätzliche Maschen erzeugen, damit das Stück breiter wird – etwa an Raglanlinien oder bei Tüchern.

Und noch eine dritte Verwandte: Wenn du mitten im Stück neue Maschen brauchst – etwa für einen Daumensteg oder ein Knopfloch – schlägst du sie an, meist mit dem einfachen Anschlag. Welche Anschlagart wofür taugt, klärt der Guide zum Maschen anschlagen.

Welches Garn macht es leicht?

Beim Aufnehmen geht es darum, Maschen sehen zu können. Genau daran scheitert es oft: In dunklem, flauschigem oder stark meliertem Garn verschwindet die Maschenstruktur, und du stichst blind ein.

Was hilft, ist ein glattes, gut gezwirntes Garn in einer hellen bis mittleren, ruhigen Farbe. Drei Kandidaten aus dem Sortiment:

Rauma Finull ist für diese Art Arbeit fast ideal: 100 % norwegische Schurwolle, Sport-Stärke mit ca. 175 m auf 50 g, fest gezwirnt und mit sehr klar definierten Maschen. Genau das Garn, bei dem man auch nach fünf Reihen noch erkennt, wo die Randmasche aufhört und die erste echte Masche anfängt – und das an Blenden und Halsbündchen eine schön standfeste Kante ergibt.

Sandnes Peer Gynt ist der etwas dickere Übungspartner: ein klassisches DK-Garn aus 100 % norwegischer Wolle mit ca. 91 m auf 50 g, das nicht splittert und dessen größere Maschen die Bewegung gut sichtbar machen. Wenn du Aufnehmen zum ersten Mal übst, nimm lieber dieses als ein feines Lace.

KFO Merino ist das Garn, an dem viele Strickerinnen dem Thema zum ersten Mal ernsthaft begegnen – 100 % Merino (non-superwash) in Fingering mit ca. 250 m auf 50 g, und in unzähligen Anleitungen mit top-down gestricktem Yoke, an dessen Ende ein aufgenommenes Halsbündchen steht. Es ist weich und feiner als die beiden anderen, die Maschen sind also kleiner – dafür lernst du daran direkt am echten Projekt. Ein Hinweis zur Faserwahl: Non-superwash-Garne wie dieses filzen leicht miteinander und geben Kanten damit zusätzlich Halt. Sie sind allerdings nicht für die Maschine geeignet – wie du sie richtig pflegst, steht im Pflegeguide.

Wenn du gezielt stöbern willst: Sport, DK und Merino sind gute Startpunkte, ebenso die Übersicht über Schurwolle.

Fazit

Beide Bedeutungen von „Maschen aufnehmen“ laufen auf dieselbe Erkenntnis hinaus: Gestricktes ist nicht empfindlich, sondern reparierbar und erweiterbar. Eine gefallene Masche ist kein Drama, sondern eine Leiter, die man mit einer Häkelnadel Sprosse für Sprosse hochgeht. Und eine fertige Kante ist kein Schlusspunkt, sondern ein Ausgangspunkt für alles, was danach kommt.

Wenn du es üben willst: Strick einen kleinen Lappen glatt rechts, lass absichtlich eine Masche fallen, zieh sie fünf Reihen nach unten – und hol sie wieder hoch. Danach nimmst du aus der Seitenkante desselben Lappens 3 Maschen aus je 4 Reihen auf und strickst ein paar Zentimeter Rippen an. Zehn Minuten, zwei Techniken, und ein deutlich gelasseneres Verhältnis zum eigenen Strickzeug.

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