Ein Schal ist ein Rechteck. Ein Pullover ist es nicht – und der Unterschied liegt in zwei Handgriffen: zunehmen und abnehmen. Alles, was sich an einem Strickstück verjüngt, weitet, rundet oder wölbt, entsteht dadurch, dass irgendwo in einer Reihe eine Masche dazukommt oder verschwindet.

Beim Anschlagen und Abketten ist klar, dass es verschiedene Methoden gibt. Beim Zunehmen und Abnehmen denken viele dagegen lange, es gäbe nur die eine Art. Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Hier gibt es besonders viele Varianten, und die Wahl entscheidet nicht über die Form – die bleibt gleich –, sondern darüber, ob die Kante sauber aussieht oder unruhig.

In diesem Guide gehen wir die wichtigen Techniken durch, klären die Frage nach der Neigung und schauen, wo im Projekt was hingehört.

Was passiert da eigentlich?

Die Geometrie ist simpel: Die Maschenzahl bestimmt die Breite. Nimmst du Maschen zu, wird das Stück breiter; nimmst du ab, wird es schmaler. Wie stark, rechnest du über deine Maschenprobe um.

Ein Beispiel: Deine Probe ergibt 22 Maschen auf 10 cm, also 2,2 Maschen pro Zentimeter. Willst du einen Ärmel um 6 cm verjüngen, brauchst du rund 13 Maschen weniger – und weil du symmetrisch an beiden Seiten abnimmst, sind das etwa sechs Abnahmepaare.

Wie schnell das passiert, steuerst du über den Abstand der Reihen. Jede zweite Reihe abnehmen ergibt eine steile Schräge, jede achte eine flache. Deshalb steht in Anleitungen fast nie nur „abnehmen“, sondern immer ein Rhythmus: „in jeder 4. Reihe“.

Das ist der ganze Mechanismus. Alles Weitere ist Optik – und die ist überraschend sichtbar.

Die wichtigste Eigenschaft: die Neigung

Fast alle Zunahmen und Abnahmen haben eine Richtung, in die sie sich legen. Sie neigen sich nach links oder nach rechts, weil die beteiligten Maschen übereinandergeschoben werden und dabei kippen.

Das ist der Grund, warum in Anleitungen Paare auftauchen: eine linksgeneigte Variante für die eine Seite, eine rechtsgeneigte für die andere. Wenn du beide Seiten eines Ärmels mit derselben Abnahme arbeitest, neigt sich die eine Kante mit der Form und die andere dagegen – und genau das sieht man dem fertigen Stück an.

Die Faustregel, die fast immer trägt: Die Neigung folgt der Kante. An der linken Seite eines Stücks nimmst du linksgeneigt ab, an der rechten rechtsgeneigt. Bei Zunahmen ist es dasselbe Prinzip, nur in die andere Richtung gedacht.

Wenn eine Anleitung nur eine Variante nennt, lohnt ein kurzer Blick: Manchmal ist das Absicht (ein Designelement), manchmal einfach knapp formuliert.

Zunahmen im Überblick

Der Umschlag (yo)

Du legst den Faden einfach über die Nadel und strickst in der nächsten Reihe darüber weiter. Das ist die schnellste Zunahme überhaupt – und die einzige, die bewusst ein Loch hinterlässt.

Das ist kein Fehler, sondern oft der Punkt: Im Lace ist der Umschlag das Grundelement schlechthin, und viele nordische Raglans nutzen die kleine Lochreihe entlang der Raglanlinie als Schmuck. Für eine unsichtbare Zunahme ist er dagegen die falsche Wahl. Ein Umschlag ist außerdem lockerer als eine verschränkte Zunahme – die Linie wird weicher und dehnbarer.

Soll der Umschlag nicht lochen, strickst du ihn in der Folgereihe verschränkt ab. Dann sitzt er eng, wirkt aber etwas straffer als die Maschen daneben.

M1L und M1R: der Standard

Die beiden verschränkten Zunahmen aus dem Querfaden sind die Arbeitspferde. Du nimmst den Faden auf, der zwischen der zuletzt gestrickten und der nächsten Masche liegt, und strickst ihn verschränkt ab. Verschränkt heißt: Der Faden wird verdreht – sonst entsteht ein Loch.

  • M1L (links geneigt): Querfaden mit der linken Nadel von vorn nach hinten aufnehmen, dann durch den hinteren Maschenschenkel abstricken.
  • M1R (rechts geneigt): Querfaden von hinten nach vorn aufnehmen, dann durch den vorderen Maschenschenkel abstricken.

Diese beiden sind spiegelbildlich und fallen kaum auf – deshalb sind sie der Standard für Raglanlinien, Ärmelzunahmen und alles, was dezent bleiben soll. Steht in einer Anleitung nur „M1“ ohne Richtung, ist üblicherweise M1L gemeint.

Merkhilfe, falls du die Richtungen ständig verwechselst: Bei M1R greifst du rückwärts, also von hinten nach vorn.

kfb: die einfachste

Beim kfb (knit front and back, „Masche doppelt abstricken“) strickst du eine Masche erst rechts ab, lässt sie aber auf der Nadel und strickst sie dann noch einmal verschränkt. Aus einer Masche werden zwei.

Technisch ist das die einsteigerfreundlichste Zunahme – nichts kann verrutschen, nichts kann lochen. Dafür hinterlässt sie einen kleinen Querstrich, der aussieht wie eine liegende Masche. Auf rustikalen Garnen und in strukturierten Mustern stört das überhaupt nicht; auf glattem Merino ist es sichtbar. Und kfb hat eine Eigenheit, die in Anleitungen gern übersehen wird: Die Zunahme sitzt einen Platz weiter rechts, als man erwartet, weil die neue Masche nach der ursprünglichen entsteht.

Gehobene Zunahmen

Bei den gehobenen Zunahmen (lifted increases) holst du dir eine Masche aus der Reihe darunter auf die Nadel und strickst sie zusätzlich ab. Das Ergebnis gilt als die unauffälligste Zunahme überhaupt – sie fügt sich praktisch nahtlos ein und hinterlässt kein Loch.

Zwei Dinge solltest du dabei wissen. Erstens: Gehobene Zunahmen vertragen keine Serie. Dieselbe Masche in jeder Reihe erneut anzuheben, zieht das Gewebe zusammen und sieht unruhig aus – sie brauchen Abstand. Zweitens, und das ist der praktische Stolperstein: Die Abkürzungen sind nicht einheitlich. Je nach Quelle stehen RLI/LLI oder KRL/KLL für unterschiedliche Richtungen. Verlass dich hier nicht auf dein Gedächtnis, sondern auf die Definition in deiner Anleitung – die meisten Designerinnen schreiben sie im Abkürzungsverzeichnis aus. Mehr zu diesem Thema findest du im Artikel zum Strickanleitungen lesen.

Maschen neu anschlagen

Manchmal kommen nicht ein oder zwei Maschen dazu, sondern zehn auf einmal – etwa unter dem Arm bei einem Pullover oder an einer Daumenöffnung. Dann wird mitten im Stück angeschlagen, meist mit einem einfachen Anschlag. Welcher wofür taugt, steht im Guide zum Maschen anschlagen.

Abnahmen im Überblick

Zwei Maschen rechts zusammenstricken (k2tog)

Die Grundabnahme: Du stichst in zwei Maschen gleichzeitig ein und strickst sie als eine ab. Das Ergebnis neigt sich nach rechts. Schneller und unkomplizierter geht es nicht, und das ist die Abnahme, die fast jede zuerst lernt.

Die überzogene Abnahme (ssk / skp)

Das linksgeneigte Gegenstück. Es gibt zwei gängige Wege dorthin:

  • ssk (slip, slip, knit): zwei Maschen nacheinander wie zum Rechtsstricken abheben, dann beide zusammen durch den hinteren Schenkel abstricken.
  • skp / „überzogen zusammenstricken“: eine Masche abheben, die nächste rechts stricken, dann die abgehobene darüberziehen.

Beide neigen sich nach links und ergeben praktisch dasselbe Bild. ssk gilt bei vielen als die etwas glattere Variante; wenn dir eine davon leichter von der Hand geht, nimm die.

Mit diesem Paar – k2tog rechts, ssk links – deckst du den allergrößten Teil aller Anleitungen ab.

Die zentrierte doppelte Abnahme

Wenn zwei Maschen auf einmal verschwinden sollen und die Linie trotzdem gerade laufen muss, ist das die Technik der Wahl. Du hebst zwei Maschen zusammen ab, als wolltest du sie rechts zusammenstricken, strickst die nächste Masche rechts und ziehst beide abgehobenen darüber.

Das Ergebnis neigt sich in keine Richtung: In der Mitte steht eine klar erkennbare senkrechte Masche, links und rechts davon kippt je eine Masche nach innen. Genau das macht sie zum Star bei Mützenspitzen, V-Ausschnitten und überall dort, wo eine saubere Mittellinie das Design trägt.

Ihr schräges Pendant ist sk2po (abheben, zwei zusammenstricken, überziehen) – ebenfalls eine doppelte Abnahme, aber mit leichter Linksneigung. Und k3tog nimmt drei Maschen auf einmal zusammen, deutlich rechtsgeneigt und am wenigsten symmetrisch von den dreien.

Auf der Rückreihe

Strickst du in Reihen statt in Runden, landest du zwangsläufig irgendwann mit einer Abnahme auf der linken Seite. Dort gibt es die linken Entsprechungen: zwei Maschen links zusammenstricken, oder verschränkt links zusammenstricken für die andere Neigung. Welche davon im Bild zu welcher rechten Abnahme passt, schreiben gute Anleitungen dazu – im Zweifel hilft eine kleine Probe mehr als jede Tabelle.

Gleichmäßig verteilen: die Rechnung, die keine ist

„Verteile 12 Maschen gleichmäßig über die Runde“ – dieser Satz bringt viele ins Straucheln, dabei ist er reine Division. Du teilst die Maschenzahl durch die Anzahl der Zu- oder Abnahmen und bekommst den Abstand.

Bei 96 Maschen und 12 Abnahmen sind das 96 ÷ 12 = 8: Du nimmst also nach jeweils acht Maschen eine ab. Geht die Rechnung nicht glatt auf, verteilst du den Rest auf die ersten Abschnitte – einen Rest von 4 schlägst du einfach auf vier der Abschnitte drauf. Niemand misst das nach.

Zwei Stellen, an denen dir das ständig begegnet:

  • Die Mützenspitze. Hier wird in Keilen abgenommen, meist in acht oder sechs Segmenten, zuerst jede zweite Runde, gegen Ende jede Runde. Mehr dazu im Artikel zum Mützenstricken.
  • Nach dem Bündchen. Rippen ziehen zusammen, deshalb stehen am Bündchen oft weniger Maschen als im Körper darüber. Die Differenz wird in der ersten Reihe danach gleichmäßig verteilt zugenommen – siehe Bündchen stricken.

Wo im Projekt was passiert

  • Raglan: vier Linien, pro Zunahmerunde acht neue Maschen – im Detail im Guide zum Raglan stricken.
  • Ärmel: von oben nach unten gleichmäßig abnehmen, von unten nach oben zunehmen. Je nach Konstruktion.
  • Socken: die Bandspitze ist nichts anderes als paarweises, gespiegeltes Abnehmen, und bei der Käppchenferse formst du die Ferse ebenfalls über Abnahmen – siehe Ferse stricken und Socken stricken für Anfänger.
  • Tücher: ob Dreieck, Halbkreis oder Keil – die Form entsteht fast ausschließlich über die Platzierung der Zunahmen. Mehr im Guide zu Tücher stricken.
  • Handschuhe: der Daumenkeil ist eine Zunahmefolge in Reinform, nachzulesen bei Handschuhe & Stulpen.

Nicht jede Form kommt übrigens aus Zu- und Abnahmen. Schulterschrägen und Halsausschnitte entstehen oft über verkürzte Reihen – da bleibt die Maschenzahl gleich, und trotzdem wird das Stück dreidimensional.

Was das Garn damit zu tun hat

Mehr, als man denkt. Wie gut man eine Zunahme sieht, hängt stark von der Maschendefinition ab – also davon, wie klar das Garn die einzelne Masche zeichnet.

Fest gezwirnte, glatte Garne zeigen alles: die saubere M1R ebenso wie den Querstrich vom kfb. Das ist beim Lernen ein Vorteil, weil du sofort erkennst, was deine Hände gerade gemacht haben. Rauma Finull ist dafür ideal – 100 % norwegische Schurwolle, Sport, ca. 175 m auf 50 g, mit knackiger Maschendefinition. Ebenso John Arbon Knit by Numbers DK, ein rundes DK-Garn mit ca. 233 m auf 100 g (neue Version: 50 % Bluefaced Leicester, 50 % Falkland Merino).

Geht es dir um ein Projekt statt ums Üben, sind formstabile Garne mit etwas mehr Substanz angenehm: Malabrigo Rios, ein vierfädiges Worsted-Merino mit ca. 192 m auf 100 g und Superwash-Ausrüstung, oder KFO Heavy Merino mit ca. 125 m auf 50 g – 100 % Merino, non-superwash und damit etwas rustikaler im Griff, dafür mit sehr schönem Maschenbild an Raglanlinien. Eine Auswahl findest du in den Kollektionen Sport, DK und Worsted.

Fürs Üben an Socken-Abnahmen – Bandspitze, Fersenkäppchen – eignet sich CoopKnits Socks Yeah! mit 75 % Merino, 25 % Nylon und ca. 211 m auf 50 g, oder etwas anderes aus den Sockengarnen.

Und umgekehrt: Flauschige Garne verstecken Formgebung. KFO Soft Silk Mohair aus 70 % Kid Mohair und 30 % Maulbeerseide legt einen Halo über die Oberfläche, der eine unsaubere Zunahme gnädig schluckt. Als Lernmaterial ist das denkbar ungeeignet – als Rettung für ein Projekt, bei dem die Raglanlinie nicht ganz gleichmäßig geworden ist, ziemlich praktisch.

Häufige Stolperfallen

  • Nicht verschränkt gearbeitet. Der Klassiker bei M1L/M1R: Wird der Querfaden nicht verdreht, entsteht ein Loch. Wenn deine „unsichtbare“ Zunahme lauter kleine Löcher produziert, liegt es fast immer daran.
  • Beide Seiten gleich abgenommen. Zweimal k2tog an beiden Ärmelkanten funktioniert – sieht aber asymmetrisch aus. Spiegeln ist kein Perfektionismus, sondern der Unterschied zwischen „selbstgemacht“ und „gut gemacht“.
  • Falsch gezählt statt falsch gestrickt. Stimmt die Maschenzahl nach einer Zunahmerunde nicht, war meist die Zählung schuld, nicht die Technik. Maschenmarkierer an den Zunahmestellen kosten nichts und sparen viel.
  • Abnahmen zu dicht an der Kante. Direkt am Rand abgenommen, wird das Zusammennähen oder Maschenaufnehmen später mühsam. Eine oder zwei Randmaschen stehen lassen – das ergibt eine saubere Kante zum Weiterarbeiten, siehe Maschen aufnehmen.
  • Rhythmus verloren. „In jeder 4. Reihe“ heißt: dreimal normal, einmal mit Abnahme. Ein Strichliste-Zettel neben dem Sofa schlägt jede App, die man vergisst zu tippen.

Fazit

Zunehmen und abnehmen ist die Technik, die aus Flächen Kleidungsstücke macht – und sie ist weniger kompliziert, als die Abkürzungsflut in Anleitungen vermuten lässt. Wenn du M1L und M1R für Zunahmen und k2tog und ssk für Abnahmen sicher beherrschst, kommst du durch so gut wie jede Anleitung.

Alles Weitere – die zentrierte doppelte Abnahme, die gehobenen Zunahmen, der dekorative Umschlag – holst du dir dann gezielt dazu, wenn ein Projekt danach verlangt. Und wie immer gilt: zehn Maschen Probe, einmal anschauen, dann loslegen. Das ist billiger als eine aufgetrennte Raglanrunde.

Weiterlesen: