Eine Strickjacke ist im Grunde ein Pullover, der vorne offen ist. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, aber genau diese Öffnung verändert fast alles: wie du strickst, wie das Stück sitzt, welches Garn sich gut anfühlt und an welcher Stelle am Ende über „selbstgemacht“ oder „gut gemacht“ entschieden wird. Die Antwort auf die letzte Frage ist fast immer dieselbe: an der Blende.

Wenn du schon einen Pullover gestrickt hast, bringst du das meiste mit. Wenn nicht, ist ein Cardigan trotzdem kein schlechter Einstieg, solange du weißt, was auf dich zukommt. In diesem Guide gehen wir durch, wie Strickjacken konstruiert werden, wie Knopfleisten und Blenden entstehen, worauf du bei Passform und Garn achtest und welche Stolperfallen typisch sind.

Was eine Strickjacke vom Pullover unterscheidet

Drei Dinge kommen beim Cardigan dazu:

  • Du strickst in Reihen statt in Runden. Zumindest am Körper. Weil die Jacke vorne offen ist, wird hin und zurück gestrickt, und damit hast du auch Rückreihen mit linken Maschen. Die Ärmel werden dagegen oft trotzdem in Runden gearbeitet.
  • Es gibt zwei vordere Kanten. Sie müssen sauber aussehen, dürfen sich nicht einrollen und müssen gleich lang sein. Dafür ist die Blende da.
  • Die Jacke wird über etwas getragen. Das hat Folgen für die Passform (meist etwas mehr Weite) und für das Garn (oft leichter, als man zuerst denkt).

Alles andere, also Schulterform, Ärmel, Bündchen, Formgebung, funktioniert wie beim Pullover. Wenn du dich dort noch unsicher fühlst, lohnt ein Blick in Die besten Garne für deinen ersten Pullover.

Die Konstruktionen im Überblick

Wie beim Pullover gibt es zwei große Familien: von oben nach unten (Top-down) und von unten nach oben (Bottom-up). Die Unterschiede im Detail stehen im Guide Top-down vs. Bottom-up. Für Strickjacken lassen sich die Varianten so zusammenfassen:

Top-down in einem Stück

Heute die verbreitetste Bauweise bei modernen Anleitungen. Du schlägst am Halsausschnitt an, strickst die Passe in Reihen bis auf Achselhöhe, legst die Ärmelmaschen still und arbeitest den Körper weiter nach unten. Die Ärmel strickst du danach aus den stillgelegten Maschen, meist in Runden.

Der große Vorteil: keine Nähte, und du kannst unterwegs anprobieren. Die Länge von Körper und Ärmeln entscheidest du am Stück, nicht am Papier. Viele Cardigans in unseren Kits sind so aufgebaut, etwa der Olive Cardigan, der nahtlos von oben nach unten als Raglan in Reihen gestrickt wird.

Die Schulterform: Raglan, Sattelschulter, Drop Shoulder

Innerhalb der Top-down-Familie entscheidet die Schulter über Look und Sitz:

  • Raglan: vier schräge Zunahmelinien von der Halsöffnung bis zur Achsel. Unkompliziert, gut anzupassen und der Klassiker für den ersten Cardigan. Alles zur Technik im Artikel Raglan stricken, die Zunahmen selbst erklärt Maschen zunehmen und abnehmen.
  • Sattelschulter: ein Streifen läuft über die Schulter und setzt den Ärmel fort. Das ergibt eine sehr saubere Schulterlinie. Der Johanne Cardigan ist so konstruiert, kombiniert mit langen Rippbündchen und einer Knopfleiste.
  • Drop Shoulder: Der Körper ist im Grunde ein Rechteck, die Schulternaht fällt über den Oberarm. Das wirkt lässig und oversized und ist technisch sehr zugänglich. Ein Beispiel ist der Darjeeling Cardigan.

Häufig kommen verkürzte Reihen dazu: Sie heben den hinteren Halsausschnitt an, damit die Jacke im Nacken nicht nach hinten rutscht. Beim Clotilde Cardigan formen sie die hintere Passe, beim Charles Grey Cardigan die Ärmelkappen.

Bottom-up und in Teilen

Die traditionelle Bauweise: Rückenteil, zwei Vorderteile und zwei Ärmel werden einzeln gestrickt und am Ende zusammengenäht. Das klingt altmodisch, hat aber echte Vorteile. Nähte geben Stabilität, besonders bei schweren Garnen, die sonst gern in die Länge ziehen. Und die Einzelteile sind kleine, handliche Projekte, die du gut mitnehmen kannst. Der Preis dafür ist das Zusammennähen, das viele lieber vermeiden.

In Runden mit Steek

Bei Jacken mit mehrfarbigen Mustern, etwa im Norwegermuster oder Fair Isle, wird der Körper oft ganz bewusst geschlossen in Runden gestrickt. Vorne in der Mitte liegt eine Brücke aus Extramaschen, die am Ende gesichert und aufgeschnitten wird. So musst du das Farbmuster nie auf der linken Seite stricken. Wie das ohne Herzklopfen funktioniert, steht im Artikel Steeks: Strickstücke schneiden.

Die Blende: wo sich die Jacke entscheidet

Glatt rechts gestrickte Kanten rollen sich ein. Deshalb bekommt jede Strickjacke an den Vorderkanten (und meist am Halsausschnitt) eine Blende aus einer Struktur, die flach liegt. Es gibt zwei grundsätzliche Wege dorthin.

Mitgestrickte Blende

Die ersten und letzten Maschen jeder Reihe werden von Anfang an in einem flachen Muster gestrickt, zum Beispiel kraus rechts, im Perlmuster oder in Rippen. Das spart einen Arbeitsschritt am Ende und ist sehr anfängerfreundlich.

Der Haken: Die Blende hat eine andere Reihenhöhe als der Rest. Krausrippen zum Beispiel sind kompakter als glatt rechts gestrickte Reihen. Je nach Garn und Muster kann sich die Kante dadurch leicht wellen oder zusammenziehen. Gute Anleitungen gleichen das aus; bei eigenen Entwürfen lohnt eine Probe mit Blendenrand.

Nachträglich aufgenommene Blende

Hier strickst du die Jacke erst fertig, nimmst dann an der Vorderkante Maschen auf und strickst die Blende quer dazu, meist im Rippenmuster. Das ist die klassische Knopfleiste, die du an vielen gekauften Strickjacken siehst.

Die entscheidende Frage dabei ist: Wie viele Maschen nimmst du auf? Eine Masche pro Reihe wäre zu viel, weil Maschen breiter als hoch sind; die Blende würde sich wellen. Zu wenige, und die Kante zieht sich zusammen. Viele Anleitungen arbeiten mit einem festen Verhältnis, zum Beispiel drei Maschen auf vier Reihen. Das ist ein guter Ausgangspunkt, aber kein Gesetz: Es hängt von deiner Maschenprobe und dem Blendenmuster ab. Wie man sauber aus einer Kante aufnimmt, erklärt der Artikel Maschen aufnehmen.

Für die Blende selbst ist eine Rippe der Standard, weil sie flach liegt und elastisch bleibt. Hintergrundwissen zu Rippen, Faltkanten und dem italienischen Rand liefert der Guide Bündchen stricken. Abgekettet wird elastisch, sonst zieht die Blende die ganze Front zusammen, siehe Maschen abketten.

I-Cord-Kante

Eine schmale, runde Kordel, die entweder mitgestrickt oder angestrickt wird. Sie wirkt sehr aufgeräumt und modern und passt besonders gut zu Jacken, die offen getragen oder mit Bändern geschlossen werden. Der Audrey Cardigan etwa hat I-Cord-Kanten und I-Cord-Bänder und kommt ganz ohne Knöpfe aus.

Knopflöcher

Sobald Knöpfe ins Spiel kommen, brauchst du Knopflöcher in der Blende. Die gebräuchlichsten Varianten:

  • Umschlag-Knopfloch: ein Umschlag, gefolgt von zwei zusammengestrickten Maschen. Kleiner Aufwand, kleines Loch. Ideal für kleine Knöpfe und feine Garne.
  • Abgekettetes Knopfloch: Du kettest in einer Reihe einige Maschen ab und schlägst sie in der nächsten Reihe wieder neu an. Das ergibt ein waagrechtes, stabiles Loch für größere Knöpfe.
  • Einreihiges Knopfloch: Abketten und Neuanschlag passieren in derselben Reihe. Etwas aufwendiger, dafür besonders sauber und fest.

Ein paar praktische Regeln:

  • Erst die Knöpfe, dann die Löcher. Kauf die Knöpfe, bevor du die Blende strickst, und teste das Loch an einer kleinen Probe. Strick dehnt sich; ein Loch, das auf der Nadel passend aussieht, kann nach dem Waschen zu groß sein.
  • Die Lochseite festlegen. Bei Damenjacken liegen die Knopflöcher traditionell rechts, bei Herrenjacken links. Für dein eigenes Stück entscheidest du das so, wie es dir angenehm ist; nur einheitlich sollte es sein.
  • Gleichmäßig verteilen. Erstes und letztes Knopfloch setzt du jeweils kurz vor die Enden der Blende, die übrigen verteilst du mit gleichem Maschenabstand dazwischen. Das ist dieselbe Division wie beim gleichmäßigen Zu- und Abnehmen.

Wie viele Knöpfe es werden, hängt vom Modell ab. Der Johanne Cardigan braucht laut Anleitung 6–7 Knöpfe (15–20 mm), der Waffle Cardigan 7 Knöpfe (20 mm). Die Knöpfe sind in beiden Kits nicht enthalten.

Passform: etwas mehr Luft als beim Pullover

Eine Strickjacke trägst du über einem Shirt, einer Bluse oder sogar einem dünnen Pullover. Deshalb planen viele Anleitungen mehr Mehrweite ein als bei einem Pullover, und auch wenn du zwischen zwei Größen schwankst, ist die größere beim Cardigan oft die bessere Wahl. Lies dazu genau, was die Größentabelle angibt: Manche Anleitungen nennen den Körperumfang, für den eine Größe gedacht ist, andere den fertigen Umfang des Kleidungsstücks. Das macht leicht 10 cm und mehr aus.

Zwei weitere Punkte, die beim Cardigan wichtiger sind als beim Pullover:

  • Offen oder geschlossen getragen? Eine Jacke, die offen getragen wird, darf großzügig und kastig sein. Eine Jacke mit Knöpfen braucht eine Front, die sich ohne Spannung schließen lässt, sonst klaffen die Knopflöcher.
  • Die Länge. Kurze, kastige Cardigans und lange, fallende Jacken brauchen unterschiedlich viel Garn. Wer die Länge ändert, rechnet die Garnmenge nach.

Welches Garn für eine Strickjacke?

Für den ersten Cardigan gilt dasselbe wie für den ersten Pullover: ein glattes, gut sichtbares Garn in mittlerer Stärke, damit du siehst, was du tust. Für die Jacke selbst kommen ein paar Überlegungen dazu.

Gewicht: eher leichter

Weil die Jacke über anderer Kleidung liegt, wird ein sehr dichtes, schweres Gestrick schnell unförmig und warm. Viele Strickerinnen wählen für Cardigans deshalb eher ein Fingering- bis DK-Garn als ein Bulky. Wenn es kuschelig dick sein soll, ist mehrfädig oft die bessere Lösung als ein einzelner dicker Faden: Ein glattes Garn zusammen mit Mohair ergibt Volumen bei wenig Gewicht. Welche Garnstärken es gibt und was sie bedeuten, steht im Guide Garngewichte erklärt.

Die Kombination aus Merino und Mohair

Die Knitting-for-Olive-Cardigans in unserem Kit-Sortiment setzen auf dieses Prinzip, aber in sehr unterschiedlichen Mischungen. Daran sieht man gut, wie viel die Fadenzahl verändert:

  • Knitting for Olive Merino ist ein Fingering-Garn mit ca. 250 m auf 50 g, 100 % Merino, non-superwash und mulesing-frei. Im Johanne Cardigan wird es zusammen mit Soft Silk Mohair verstrickt; im Olive Cardigan läuft ein Faden Merino mit zwei Fäden Mohair.
  • Knitting for Olive Heavy Merino ist die kräftigere Variante: Worsted, ca. 125 m auf 50 g, ebenfalls 100 % Merino und non-superwash. Beim Charles Grey Cardigan kommen zwei Fäden Mohair dazu, beim Clotilde Cardigan werden sogar zwei Fäden Heavy Merino mit zwei Fäden Mohair verstrickt, für eine Maschenprobe von 10 Maschen auf 10 cm.
  • Knitting for Olive Soft Silk Mohair aus 70 % Kid Mohair und 30 % Maulbeerseide, ca. 225 m auf 25 g. Beim Darjeeling und beim Waffle Cardigan werden drei Fäden davon parallel verstrickt, ganz ohne Merino, was eine sehr leichte, luftige Jacke ergibt.

Warum diese Kombination so gut funktioniert, erklärt der Artikel Mohair & Merino kombinieren. Ein Nebeneffekt, der gerade bei der ersten Jacke hilft: Der Mohair-Halo verzeiht ungleichmäßige Maschen. Der Nachteil: Mohair lässt sich schlecht auftrennen. Wenn du an der Blende noch probierst, nimm dir lieber Zeit für eine Probe.

Ohne Mohair: klare Maschen

Wenn du die Struktur deiner Blende, Zöpfe oder Rippen deutlich sehen willst, ist ein glattes Garn ohne Halo die bessere Wahl:

  • John Arbon Knit by Numbers DK: DK, ca. 233 m auf 100 g, in der neuen Version 50 % Bluefaced Leicester und 50 % Falkland Merino, nicht superwash.
  • Malabrigo Rios: Worsted, ca. 192 m auf 100 g, Superwash-Merino, vierfädig gezwirnt. Superwash heißt, dass Maschinenwäsche im Wollprogramm bei 30 °C laut Pflegehinweis möglich ist; für die beste Farberhaltung empfehlen wir trotzdem Handwäsche.
  • Rauma Finull: Sport, ca. 175 m auf 50 g, 100 % norwegische Schurwolle mit knackiger Maschendefinition, die Rippen und Strukturen klar zeichnet.

Eine Auswahl nach Stärke findest du in den Kollektionen DK und Worsted. Und wenn deine Anleitung ein Garn nennt, das du nicht verwenden möchtest: Wie du sicher austauschst, steht im Guide Garnsubstitution.

Waschen und Spannen

Gerade bei Jacken lohnt es sich, die fertige Arbeit vor dem Annähen der Knöpfe zu waschen und flach in Form zu legen. Erst danach siehst du, wo die Blende wirklich liegt und ob die Knopflöcher passen. Die Pflege richtet sich nach dem Garn; im Zweifel Handwäsche und liegend trocknen. Alles Weitere im Pflegeguide.

Strickjacke mit Anleitung und Garn im Set

Wenn du nicht selbst kombinieren möchtest, findest du in unseren Kits Anleitung und passendes Garn zusammen. Für Erwachsene etwa den Olive Cardigan mit Lochmuster, den Johanne Cardigan mit Sattelschulter und Knopfleiste, den Audrey Cardigan mit I-Cord-Kanten, den Clotilde Cardigan im Grobstrick oder den Charles Grey Cardigan mit Gürtel. Alle findest du unter Kits für Erwachsene. Kleine Cardigans für Kinder und Babys, etwa den Garter Cardigan (Baby), gibt es unter Kits für Kinder. Was bei Babystrick zu beachten ist, steht im Artikel Stricken für Babys.

Häufige Stolperfallen

  • Vorderteile unterschiedlich lang. Bei Jacken in Teilen passiert das schnell. Zähl Reihen statt nur zu messen, und lege die Vorderteile vor dem Zusammennähen nebeneinander.
  • Die Blende wellt sich. Zu viele Maschen aufgenommen. Lieber einmal auftrennen und mit weniger Maschen neu aufnehmen, als mit einer welligen Front leben.
  • Die Blende zieht zusammen. Zu wenige Maschen oder zu fest abgekettet. Auch hier hilft nur neu aufnehmen oder elastischer abketten.
  • Die Jacke rutscht nach hinten. Kein erhöhter Nacken. Wenn deine Anleitung keine verkürzten Reihen im Rücken vorsieht, kannst du sie meist ergänzen.
  • Knopflöcher zu groß. Erst nach dem Waschen sichtbar. Darum: Probe mit Knopfloch waschen, bevor du die ganze Blende strickst.
  • Linke Maschen sehen anders aus. Viele stricken links lockerer als rechts. In Reihen sieht man das als Streifen. Ein Tipp: für die Rückreihen probeweise eine halbe Nadelstärke kleiner nehmen.

Fazit

Eine Strickjacke ist ein Pullover mit einer wichtigen Zusatzaufgabe: der Front. Wenn du die Konstruktion auswählst, die zu dir passt, die Blende sorgfältig planst und die Knopflöcher vorher testest, ist der Rest Strickarbeit, die du schon kennst. Für die erste Jacke empfehlen wir einen Top-down-Raglan mit Rippblende; danach kannst du dich an Sattelschulter, I-Cord oder Steek wagen.

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